Der Star bleibt die Kunst
Die Rieckhalle soll ein optischer Blickfang werden, aber dennoch ein Zweckbau bleiben.
 

Den um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen privaten Bahnstrecken, die keilartig in den Stadtkern vordrangen und in Kopfbahnhöfe mündeten, war nur eine kurze Geschichte beschieden. Der spätklassizistische Hamburger Bahnhof wurde bereits 1884, noch nicht mal 40 Jahre nach seiner Entstehung, stillgelegt und ab 1906 als Bau- und Verkehrsmuseum genutzt. Die als Folgereinrichtungen gebauten Lager- und Speditionshallen überlebten wirtschaftlich ohne den Hamburger Bahnhof, auch wenn etliche Kleinspediteure nach und nach das Feld räumen mussten. Schließlich übernahm die Firma Rieck die gesamte, in ihrer Nord-Süd-Ausdehnung schier unübersehbare Halle. In den 1960er Jahren wurde ein relativ leichter Neubau auf das kompakte Kellerfundament gesetzt.
Zur Zeit der deutschen Teilung befand sich die Halle in einer Randlage an der Peripherie Westberlins. Mit der deutschen Einheit aber rückte sie unversehens in die Mitte der Stadt und der nur wenige hundert Meter entfernte Zentralbahnhof Berlins, der Lehrter Hauptbahnhof, signalisiert seit 2005 eine radikale Umwertung des gesamten Gebietes.

2001 wurde die Halle frei und Eugen Blume, der Leiter des Hamburger Bahnhofes, fasste sie für Ausstellungen ins Auge. Bereits 2002 erlebte das flache, 330 m lange Gebäude seine Premiere als Kunstraum mit einer surrealen Videoinstallation von Julian Rosenfeldt. Im südlichen Teil mieteten sich die Künstler Tacita Dean, Olafur Eliasson und Thomas Demand ein, die dort auch nach dem Einzug der Friedrich Christian Flick Collection ihre Ateliers hatten. Die Umbauarbeiten leiteten die Berliner Architekten Kühn Malvezzi. Ihre Aufgabe, eine Speditionshalle zur Kunsthalle zu wandeln und damit etwa 6.000 m2 reine Ausstellungsfläche zu gewinnen, war in erster Linie eine technisch- logistische Herausforderung: Umgang mit künstlichem und natürlichem Licht, Gliederung der Räume, Unterbringung der technischen Anlagen. Die historische Stahlskelettstruktur blieb sichtbar erhalten und unterstreicht den spezifischen Charakter als einfache Industriehalle. Die Architekten haben Erfahrung mit solchen Aufgaben. 2002 bauten sie die Binding Brauerei für die Documenta 11 in Kassel um.

Der Hamburger Bahnhof und die Rieckhalle wurden durch einen Übergang verbunden. Funktional im Inneren, skulptural gegenüber dem Stadtraum, ist die direkte Verbindung von der historischen Halle des Hamburger Bahnhofes zu den Rieckhallen zugleich Passage und Zeichen. Somit bildete der Bau nach seiner Fertigstellung im Sommer 2004 so etwas wie den zweiten, niemals gebauten Flügel des Hamburger Bahnhofes und wird Pendant zum dortigen Kleihues-Bau. Eine 250 Meter lange, schwarze Trapezblechfassade macht den Backsteinbau zu einem Blickfang, ohne Zweifel an dessen dienender Funktion zu lassen: der Star bleibt die Kunst.